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Aline
Winterberg als Vermittlerin
Die
Muslime im Kanton Bern haben einen Verband gegründet und
wenden sich mit einem «Friedensgruss» an die
Öffentlichkeit Als Bernerin, die zum Islam konvertiert
ist, fühlt sich die 52-jährige Aline Winterberg oft
missverstanden. Deshalb will sie im neu gegründeten
Islamischen Kantonalverband Bern eine Vermittlerrolle
übernehmen und «zu Offenheit und Transparenz» beitragen.
WALTER DÄPP
Nächsten
Samstag gehen sie auf die Strasse: Zwischen 10 Uhr und
16 Uhr verteilen sie vor der Berner Heiliggeistkirche
Rosen und Faltzettelchen mit Friedensbotschaften. Und
Aline Winterberg hofft, dass dieses erste sichtbare
Lebenszeichen des neu gegründeten Islamischen
Kantonalverbands Bern (vgl. Kasten) von der
Öffentlichkeit «als Friedensgruss wahrgenommen wird».
Aline Winterberg, 52-jährig, Psychologin, seit ihrem 16.
Altersjahr mit Poliarthritis an den Rollstuhl gebunden,
eine vor zehn Jahren zum Islam konvertierte Bernerin,
hat die Gründung des Kantonalverbands mit dem Namen
«Umma» (Gemeinschaft) und nun auch diesen
«Friedensgruss» mitinitiiert: Um Vorurteile abbauen zu
helfen und Missverständnisse auszuräumen, mit denen auch
sie als Muslima immer wieder konfrontiert werde.
Deshalb wehre sie sich - nun auch als Umma-
Kontaktperson - gegen diffuse Verdächtigungen und
Verunglimpfungen, wie sie auch in der Schweiz und in
Bern vor allem seit dem verhängnisvollen 11.September
immer wieder zu hören seien. Ihr seien die Muslime hier
jedoch nicht als Problemgruppe bekannt: «Sie arbeiten,
zahlen Steuern, schicken ihre Kinder hier zur Schule.
Sie stören die hiesige Gesellschaft nicht.» Zu Problemen
komme es jedenfalls «nicht im täglichen Leben, sondern
vor allem dann, wenn politischer Wirbel gemacht wird und
gewisse Medien dies aufbauschen».
«Am
besten aufgehoben»
Sie
sehen sich deshalb «als eine Art Vermittlerin», sagt
Aline Winterberg - «zwischen zwei Welten, die vielleicht
gar nicht so weit voneinander entfernt sind, wie man
vielleicht meinen könnte». Aline Winterberg, die in
einer katholischen Familie in Bern aufwuchs,
interessierte sich schon in jungen Jahren für
Religionsfragen, wie sie sagt. Ihr Austritt aus
der Kirche sei denn, «dem damaligen Zeitgeist
entsprechend», vor allem ihr persönlicher Ausdruck von
Kritik an der Institution Kirche gewesen. Die Frage,
welche Religion ihr auf welche Fragen welche Antworten
geben konnte, habe sie aber weiterbeschäftigt. Und so
sei sie zum Islam gekommen - zu einer «sehr familiären
Religion, die für uns Christen gar nicht so fremd ist».
Vor allem habe sie «die Klarheit» des islamischen
Glaubens fasziniert: «Der klare Gottesbegriff - Gott,
der über allem steht, der nicht zeugt und nicht gezeugt
wird, wie es im Koran steht». Um ein guter Mensch zu
sein, müsse man zwar nicht Muslimin sein, sagt Aline
Winterberg. Doch sie fühle sich in dieser Religion nun
am besten aufgehoben. Deshalb sei sie vor zehn Jahren
zum Islam konvertiert, trage seither auch das Kopftuch -
fast immer, jedenfalls ausser Haus. Und inzwischen sei
auch die religiöse islamische Praxis für sie
Alltag - mit dem Glaubensbekenntnis, mit den fünf
Gebeten pro Tag, mit dem Fasten im Monat Ramadan, mit
der finanziellen Abgabe an die Gemeinschaft und mit dem
Wunsch einer Pilgerfahrt nach Mekka.
«Nicht
frei von Missbräuchen»
Immer
wieder werde sie mit der Bemerkung konfrontiert, ihr
Schritt zum Islam sei doch vor allem in Bezug auf die
männliche Machtposition gegenüber der Frau «ein
Rückschritt ins Mittelalter». Doch dies empfinde sie
nicht so. Islamische Gesellschaften seien zwar «sehr
patriarchalisch geprägt und nicht frei von
Missbräuchen», doch: «Die islamische Religion darf man
nicht nur aus weltlicher Sicht betrachten. Islam
bedeutet Hingabe - Unterwerfung unter den Willen Gottes.
Das gilt für Frauen und für Männer. Unser höchstes Ziel
ist es nicht, frei zu sein - sondern Gott zu gefallen.
Deshalb ist es auch für mich kein Problem, seine
Empfehlungen zu befolgen.» Schwierigkeiten machten nicht
die wirklich gläubigen Muslime, findet Aline Winterberg,
sondern jene, die «von ihrer Religion nicht mehr viel
wissen».
Sie ist deshalb daran, immer noch mehr darüber zu
erfahren. In ihrer Wohnung im Berner Mattenhofquartier
ist sie umgeben von Symbolen, die das zum Ausdruck
bringen: Vom Koran. Von Koranversen an den Wänden. Von
einem schönen marokkanischen Teppich. Von Büchern wie
etwa «Muslimsein in Europa». Und sie bemüht sich, noch
besser Arabisch zu lernen. «Mein Ziel ist es», sagt sie,
«den Koran auf Arabisch lesen und verstehen zu können.
Ich denke und fühle aber weiterhin auch als Bernerin,
werde nie eine wirkliche Araberin sein.» Ein Zeichen
setzen Der nun erfolgte Zusammenschluss der Berner
Muslime ist für Aline Winterberg «unbedingt nötig».
Damit werde der Kontakt zu den Berner Behörden und zur
Bevölkerung vereinfacht - auch wenn es zum Beispiel um
die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams als
gleichwertige Religion oder um die Realisierung einer
eigenen Moschee gehe. «Es ist gut, dass wir nun mit
einer Stimme sprechen», sagt etwa auch Mohammad Tufail,
der Leiter des Islamischen Zentrums Bern, der seit 1956
in Europa und seit 1972 in der Schweiz lebt. Nur wenn
man aufeinander zugehe, sagt er, könnten Vorurteile und
Missverständnisse ausgeräumt werden. Die Muslime seien
längst ein Teil der Schweizer Gesellschaft - laut
Volkszählung 2000 verdoppelte sich ihre Zahl innerhalb
eines Jahrzehnts -, weshalb es dringend notwendig sei,
dass auch die Berner Muslime «ein öffentliches Zeichen
zum Dialog und zu einem friedlichen und respektvollen
Zusammenleben» setzten. Die Friedensbotschaft am 26.
Februar sei ein solches Zeichen.
[i]
Aktion am 26. Februar «Umma», der neu gegründete
islamische Kantonalverband Bern, richtet am Samstag, den
26. Februar, von 10 bis 16 Uhr vor der Berner
Heiliggeistkirche einen «Friedensgruss» an
Öffentlichkeit.
Kontakt:
umma@bluewin.ch,
Aline Winterberg, 031 372 06 51.
Umma -
Islamischer Kantonalverband Bern Folgende islamische
Vereinigungen gehören dem Verband an: Die
Frauenvereinigung Dar-an-Nur Bern, die
Türkisch-Islamische Vereinigung, die Pakistan
Association Bern, der Muslimische Verein Bern, der
Albanisch-muslimische Verein Bern, die Sunni Muslim
Association und das Islamische Zentrum Bern.
Die Ziele von Umma Der Islamische Kantonalverband Bern
setzt sich laut Statuten insbesondere für folgende Ziele
ein: Er vertritt die Anliegen der Muslime in der
Öffentlichkeit, gegenüber Behörden und Medien; er
unterstützt die einzelnen Vereinigungen in der Bewahrung
ihrer unterschiedlichen kulturellen Identität; er setzt
sich - im Rahmen der geltenden Verfassungen in der
Schweiz und im Kanton Bern - für den Aufbau «einer
Glaubensgemeinde mit einer gemeinsamen islamischen
Infrastruktur für alle Muslime des Kantons Bern» ein; er
strebt die Schaffung einer «demokratischen Organisation
der islamischen Glaubensgemeinschaft mit einer
öffentlich-rechtlichen Gemeindestruktur» an; er setzt
sich für die öffentlich-rechtliche Anerkennung des
Islams als gleichwertige Religion und
Glaubensgemeinschaft» ein; er will «das Zusammenleben
der Muslime in der schweizerischen Gesellschaft
erleichtern» helfen und will «die Integration unter
bester Wahrung der islamischen Identität» fördern; er
will Vorurteile gegen Muslime abbauen und «die
schickliche Bestattung von Muslimen im ganzen Kanton
Bern» ermöglichen. |